22. Mai 2000: Falterpuppe - anders, als man denkt

Vor einem Monat hatte ich die Puppe an einem Waldrand der Churer Geissweid unter einem Stein gefunden. Am dünnen gelben Kokon erkannte ich, dass es sich um die Puppe des Rotschwanzes - oder Streckfuss (Dasychira pudibunda) - handeln musste. Zu Hause legte ich die Puppe in meinen Schlüpfkasten, besprühte sie jeden Morgen mit Wasser und wartete gespannt.

Am 21. Mai arbeitete ich an meinem Schreibtisch und hörte zwar leise, aber doch deutliche Nagegeräusche. Ich suchte überall, vor allem in der Nähe des Schlüpfkastens, weil die Geräusche dort am deutlichsten zu hören war. Aber ich fand nichts.

Am folgenden Morgen löste sich das Rätsel: Die Rotschwanzpuppe lag geöffnet im Schlüpfkasten. Wie ein kleiner Deckel lag der oberste Puppenteil fein säuberlich weggenagt daneben. Die "Täterin", eine etwa 20 mm grosse Schlupfwespe, entdeckte ich an der Seitenwand! 

Wie konnte es dazu kommen? Diese Schlupfwespen gehören zu den Raupen und Puppenparasiten: So hat die Mutter der Schlupfwespe in meinem Kasten im letzten Sommer oder Herbst ein Ei in die Rotschwanzraupe hineingelegt. Die Schlupfwespenlarve hat sich in der Raupe ernährt, aber nur so, dass ihr Wirtstier, die Raupe, weiterlebte, weiterfrass, grösser wurde und sich schliesslich im letzten Oktober verpuppte. In der Puppe hat sich die Schlupfwespenlarve dann vollgefressen mit allem was einmal ein Falter hätte werden sollen und sie hat sich schliesslich ihrerseits in der Falterpuppe drin verpuppt. Sie muss dann am 21. Mai geschlüpft sein und ... siehe oben! 


Der schön rund weggenagte oberste Teil der Puppenhülle ist links auf dem weissen Papier zu sehen.


Und das ist sie, die etwa 20 mm lange Schlupfwespe, die an Stelle des Falters aus der Puppe geschlüpft ist.

 

Zu Beginn meiner Raupenzüchtereien ärgerte ich mich jeweils sehr, wenn Schlupfwespen aus Falterpuppen schlüpften. Doch schon bald akzeptierte ich die Schlupfwespen als sehr interessante Nebenergebnisse. Ja, heute bestaune ich diese grazilen Wespen sogar: Was für eine ausgeklügelte Fortpflanzungsstrategie!


 Fundort der Puppe: 
Chur, Geissweid, 615 m ü. M. 

19. April 2000

 Kommentar, Beobachtung: hier!

 

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